Das alte Pfarrhaus


An der Bahnhofstrasse in Fahrwangen steht dieses schöne alte Bauernhaus - mit grosser Scheune, einer ehrwürdigen Linde auf dem Vorplatz, einem grosszügigen Vorgarten und einem wunderbar weitläufigen Garten hinter dem Haus. 


Erbaut wurde das Haus vermutlich gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Eine Wand zwischen Stallungen und ehemaliger Waschküche trägt sogar die Jahreszahl 1568. Die Bedeutung dieser Jahreszahl ist nicht geklärt.

Um die Jahrhundertwende (1800) war das Bauernhaus im Besitz des Fahrwanger Alt Säckelmeisters Kaspar Rodel. Er verkaufte das Haus Anfang des 19. Jahrhunderts an die neu gegründete Kirchengemeinde Meisterschwanden-Fahrwangen. Diese nutzte das Haus von 1820 bis 1934 als Pfarrhaus. Während der Bauzeit der Kirche diente die  Scheune der Kirchengemeinde provisorisch für zwei Jahre als Kirche, später wurde sie zeitweise als Konfirmandenlokal genutzt.


Insgesamt lebten und wirkten elf Pfarrer in diesem Haus. Sie alle haben sich neben dem Pfarrberuf auch mit öffentlichen Anliegen befasst oder kulturelle und wissenschaftliche Aufgaben übernommen. Der bekannteste von ihnen ist vermutlich Giovanni Andreas Scartazzini, der von 1884 bis 1901 als Pfarrer in Fahrwangen lebte. Er wurde als Dante-Forscher über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Eine Bronzetafel am Eingang zum alten Pfarrhaus erinnert an ihn. 

Das Pfarrhaus wurde wiederholt renoviert und umgebaut, bis die Kirchengemeinde 1927 entschied, etwas ausserhalb des Dorfes ein neues Pfarrhaus zu bauen. 
1934 hatte das «Rodel-Haus» als Pfarrhaus ausgedient.

1975 ziehen Martin Ruf und seine Frau Doris in das zweihundert Jahre alte Pfarrhaus in Fahrwangen ein. Martin Ruf war ausgebildeter Goldschmied,  Primarlehrer und ab 1968 Zeichenlehrer - zunächst an der Bezirksschule in Wohlen, ab 1973 bis zu seiner Pensionierung an der Neuen Kantonsschule in Aarau. Neben seiner Lehrtätigkeit hat er sich als Künstler einen Namen gemacht als Zeichner, Maler und Plastiker. Im Aargau war er eine feste Grösse im Kunstbetrieb. Bekannt wurde er vor allem mit seinen Objekten aus Holz.

"In dem alten Pfarrhaus führte er viele Ausbau- und Renovationsarbeiten selber aus, gestaltete die grosse Umgebungsfläche zu einem Gartengesamtkunstwerk und nutzte die vielen Räume für Malatelier, später für Holzlager, Sägerei und Schleiferei. Noch heute zeugt die alte Waschküche, die über und über mit einer weichen Schicht Schleifmehl bedeckt ist, von der grossen Arbeit, die Martin Ruf in diesem Haus geleistet hat."
(Zitat aus dem Buch: "Martin Ruf 1935 -2011")

In Anbetracht der unglaublichen Fülle seiner Werke muss sein Leben geprägt gewesen sein von einer gewaltigen Schaffenskraft - und das trotz seiner schweren, lange Jahre dauernden Erkrankung.

Am 8. Mai 2011 - nicht ganz ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Doris - stirbt Martin Ruf in seinem Haus in Fahrwangen. 

Das Wohnhaus wurde nach dem Tod des Künstlers umgebaut. Heute befinden sich fünf kleinere Wohnungen darin. Die ehemalige Scheune diente nach dem Tod von Martin Ruf einige Jahre als Ort für die Aufbewahrung, Sichtung und Auflösung des umfangreichen Nachlasses des Künstlers. Während dieser Zeit wurde die alte Scheune behutsam saniert.

Quellen: 
"Die Gründung der Kirchengemeinde Meisterschwanden-Fahrwangen und die Baugeschichte ihrer Kirche" von Medard Sidler, herausgegeben von der reformierten Kirchengemeinde Meisterschwanden-Fahrwangen, 1980.

"Martin Ruf 1935 -2011", herausgegeben von Hans und Monika Böller-Herzog anlässlich der Ausstellung "Zeichnungen und Objekte aus dem Nachlass" in der Galerie Gluri Suter Huus Wettingen 27.10. bis 15.12.2013